mei 2009

Kirill predigt Klartext

Kirill predigt Klartext
Peter Voßwinkel - Moskuaer Tagebuch

Der Kreml als Heilpraktiker, der zum Trost für soziale Missstände den mythisch-nationalen Wertekanon anbietet. Der für die Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Dezember 1991 typische “Gesellschaftseklektizismus” weicht dabei einem “postsowjetischen Konstruktivismus”, der dem Bedürfnis vieler Russen nach Aussöhnung mit einem wenig ermutigendem und wenig zukunftsträchtigen Gesellschaftszustand nach der ersten Transformationsphase Rechnung trägt.

Die dafür notwendige Verdrängung “unangenehmer” Geschichtsbilder erfolgt durch ständiges “Ummodeln” - sprich: Ideologisieren und Mystifizieren der Vergangenheit. Als Faustregel gilt: Symbolische Einheit durch kollektives Streben nach dem “richtigen” geschichtlichen Ursprung - soziale Stabilität dank “komfortabler” Geschichtsmythen.

Was Russlands postsowjetische Gemeinschaft allerdings wirklich braucht, das ist nicht noch mehr irrationaler Geschichtskitsch, sondern eine rationale, sozial verantwortbare Modernisierung. Hin und wieder ein Paar Petrodollar in die Hand zu nehmen, um palliativ gegen diverse soziale Geschwüre vorzugehen, macht alles nur schlimmer.

Es darf freilich bezweifelt werden, ob der Kreml wirklich willens und fähig ist, durch einen revidierten Modernisierungsansatz die schreienden sozialen Antagonismen abzubauen. Die ermöglichen es ihm schließlich, jene Mittlerfunktion auszuüben, aus der er einen Großteil seiner heutigen Legitimation bezieht. Auf Dauer - so steht zu erwarten - wird sich mit “nationalen Projekten” die allgemeine Volksmoral jedoch kaum heben lassen.


Und wieder ist es die Orthodoxe Kirche, die sich nicht scheut, Klartext zu predigen: Auch wenn es Russland heute gut gehe, warnte jüngst Patriarch Kirill, werde es als einheitliches Land untergehen, überwinde es nicht die gähnende Kluft zwischen Reichtum und Armut, wie es sie in keinem anderen entwickelten Land Europas gebe. Die Einkünfte aus dem Verkauf der Reichtümer müssten endlich für die Menschen Russlands investiert werden. Kirill: “Ja, wir brauchen eine solide Finanzreserve, die das Land vor Weltmarktschwankungen schützt. Aber wir werden keine Zukunft haben, wenn die Öl- und Gasrubel heute nicht genutzt werden…” - Welche Art von Modernisierung braucht Russland?, fragt Kirill. Und während die Staatstechnologen im Kreml noch heftig überlegen, hat der Patriarch seine Meinung längst bei der Hand: Natürlich müsse dieses Land irgendwie modernisiert werden, keinesfalls aber auf westliche Art, sonst komme das Gleiche heraus wie unter Peter dem Großen und Lenin.